Interview mit Ronnie Vuine von txtr – Teil 1
Am letzten Freitag hatte ich auf der Frankfurter Buchmesse die Möglichkeit, mich fast eine Stunde mit Ronnie Vuine von txtr zu unterhalten. Herausgekommen ist ein sehr aufschlussreiches – und langes - Interview. Heute gibt es den ersten Teil mit den Themen txtr und txtr Reader. Im zweiten Teil folgen morgen die Themen Developer und txtr.com.
Hallo Ronnie, du bist Mitgründer von txtr – stell dich doch kurz mal vor – wie bist du zu txtr gekommen und was ist dein derzeitiger Aufgabenbereich?
Ronnie Vuine: Mein Name ist Ronnie Vuine und ich bin tatsächlich einer der ersten 5, 6 Leute, die an dem Projekt gearbeitet haben. Nach meinem Studium hatte ich mich mit einem Freund zusammengetan, den ich über die Uni kannte, nämlich Joscha Bach – inzwischen Doktor Joscha Bach. Zusammen haben wir uns umgeschaut und sind dabei auf die eInk-Technologie gestoßen. Wir haben dann – das war etwa Herbst 2005 – erste Geräte aus dem Ausland getestet und uns entschlossen selbst an die Sache heranzugehen. Anschließend haben wir relativ lange versucht, Investoren davon zu überzeugen, dass eBooks funktionieren können – das kann man sich heute angesichts des aktuellen Hypes kaum mehr vorstellen. Im Lauf des Jahres 2007 haben wir schließlich festgestellt, dass es ein zweites Team aus Berlin mit ganz ähnlichen Ideen gab – die Herren Maire und Steinhauser, die zuvor Gate5 erfolgreich gestartet und später an Nokia verkauft hatten. Wir haben uns getroffen und dann beschlossen, uns zusammentun. Das Team ist mit der Zeit natürlich weiter gewachsen, es sind etwa Ulrik Deichsel für die Finanzierung und Milosch Miriac für die Hardware dazugekommen. So entstand dann die Firma txtr, wie es sie heute gibt.
Und mein derzeitiger Aufgabenbereich: Ich kümmere mich um txtr.com bzw. txtr reaktor – also alles, was auf Servern läuft. Nicht alleine natürlich – wir sind ein Team von sieben Leuten, die alle ihre Aufgabenbereiche haben und für sich selbst verantwortlich sind. Unsere Strukturen sind da eher wie bei einem Startup.
Wie ist der Name txtr entstanden? Wenn man den Namen ein erstes Mal liest, kommt man doch kurz ins Stutzen?
Ronnie Vuine: Also man spricht es ‘texter’. Der Name ist im Zuge einer langen Namenssuche entstanden. Das Projekt mit dem Joscha und ich angefangen hatten, hieß Bookpack. Man sieht das noch wenn man in die API schaut, denn die Klassen heißen teilweise noch so. Bookpack wollten wir dann nicht nehmen, weil es schon in den USA eine Firma für Verpackungsmaterial mit diesem Namen gab. Danach wählten wir „Wizpac“, also „Wiz“ wie „Wizard“ – bis wir rausgefunden haben, dass „to wiz“ auch eine Bedeutung hat, die uns dann nicht mehr so gut gefiel. Es musste also wieder ein neuer Name her. Anforderungen waren eine kurze Domain, damit man diese auch gut twittern kann, und dass ein Name, den man gut diktieren kann, also besser Konsonanten. Der Name txtr war dann naheliegend: Es geht um Texte, es geht um Lesen. Es ist zwar tatsächlich so, dass viele sagen, man bricht sich dabei die Zunge, aber generell passt der Name ganz gut zu uns.
Wenn wir gerade bei Namen sind – wie seid ihr darauf gekommen, den Roman „Meister und Margarita“ von Michail Bulgakow für die Namen der txtr.com-Beta-Versionen zu nutzen?
Ronnie Vuine: Joscha und ich lieben „Meister und Margarita“ sehr – das ist der Hauptgrund. Normalerweise nimmt man Städte, Flüsse oder irgendetwas Langweiliges. Und wir sagten uns: Nein, wir beschäftigen uns mit Lesen, lass uns etwas aus unseren Lieblingsbüchern nehmen. Für Joscha zählte „Meister und Margarita“ schon immer zu seinen Favoriten und auch als ich ihn vor Jahren das erste Mal gelesen habe, war ich wirklich begeistert. Und um unsere acht Milestones zu benennen, ging es genau mit den Figuren auf - wir haben einfach mit den kleinen, unwichtigen Gehilfen des Teufels angefangen und uns dann zu Margarita vorgearbeitet. Nach Margarita müssen wir uns etwas Neues überlegen.
Wenn ich es richtig mitbekommen habe, zieht ihr in Berlin um, aus eurer geliebten „Turnhalle“ (siehe der Artikel im TechnologyReview). Was waren die Gründe dafür und werdet ihr die „Turnhalle“ vermissen?
Ronnie Vuine: Ja, die Turnhalle werden wir bestimmt vermissen. Ein Grund dafür ist erst mal, dass das andere Büro so verlockend ist – dort gibt es nämlich nicht nur eine Turnhalle, sondern auch eine Dachterrasse. Und es ist natürlich tatsächlich der Hauptgrund, dass die Räume dort größer sind und wir jetzt ein bisschen wachsen müssen. Außerdem ist das kulinarische Angebot für unsere Mittagspausen in Berlin Mitte besser.
Anmerkung zum Thema Wachstum: txtr hat laut dem offiziellen Blog zwei Praktikanten-Stellen zu vergeben.
Erwartet und erhofft war das Release zur Buchmesse in Frankfurt – jetzt ist es doch ein wenig später geworden – woran lag das?
Ronnie Vuine: Wir haben eigentlich nie gesagt, dass wir den txtr Reader zur Buchmesse verkaufen werden – wir hatten gesagt, wir launchen ihn dort. Es gab eine gewisse Chance, dass wir ihn vielleicht zwei Wochen nach der Buchmesse schon hätten verkaufen können. Das es nicht hingehauen hat, liegt hauptsächlich daran, dass wir die Teile für die Geräte einkaufen müssen, und die sind einfach nicht immer verfügbar. Darauf haben wir in Berlin keinen direkten Einfluss. Die Teile müssen rechtzeitig bestellt werden und man weiß einfach nicht immer, wann rechtzeitig ist. Nach den Informationen, die wir jetzt haben, sind alle Teile für ein Release in großen Stückzahlen Mitte Dezember verfügbar.
Da ihr jetzt auch unter Zeitdruck steht – gibt es gewisse Features, die ihr gerne integriert hättet, die es jetzt aber nicht mehr in die erste Softwareversion schaffen?
Ronnie Vuine: Also Softwarefeatures nicht unbedingt, da wir uns da bewusst auf die Kernfunktionen beschränken, damit auch alles einfach bleibt. Es gibt aber von der Inhaltsseite her Dinge, die wir nicht geschafft haben – nicht aufgrund des Zeitdrucks, sondern weil die entsprechenden Zulieferer noch nicht bereit waren. Das ist vor allem das Zeitungsangebot. Das würden wir sehr gerne machen, weil wir das für einen super Anwendungsfall halten, den wir alle auch selbst dringend haben wollen. Man kann jetzt mit einzelnen Zeitungen schon etwas machen – die TAZ etwa gibt es im DRM-freien EPUB-Format – aber für ein vollständiges Zeitungspaket müssen wir noch ein wenig Business Development betreiben. Dass es uns wirklich ernst ist damit, sieht man auch daran, dass der Menüpunkt „Abonnements“ bereits im Startmenü des txtr Readers vorhanden ist.
Als im Rahmen der Messe bekannt wurde, dass man bei Bedienung und Interface so kurz vor dem Release noch nicht fertig sei, gab es Bedenken seitens der Community, ob das überhaupt noch rechtzeitig zu schaffen ist. Könnt ihr diese Befürchtungen entkräften?
Ronnie Vuine: Die Chancen stehen ganz gut, denn die Bedienung kann relativ leicht angepasst werden. Wir haben jetzt auf der Messe festgestellt dass die Leute komplett „iPhone-verseucht“ sind. Viele haben aus der Erfahrung von Touchscreens eine andere Intuition – das heißt wir werden das noch einmal überarbeiten und sozusagen die Gehirne der Leute, die „iPhone-verseucht“ sind, da wieder abholen, so dass eben auch diese Bewegungen korrekt erkannt werden. Das sind Schrauben, an denen man dreht, bis es funktioniert – viel gravierender ist es nicht. Wir müssen uns beim Releasetermin immer entscheiden, ob wir denen nachgeben, die das Gerät unbedingt haben wollen und meinen, wir sollen es später updaten, oder ob wir denen nachgeben, die sagen, es muss unbedingt bis ins letzte Bit perfekt sein.
Welche Zielgruppen habt ihr im Visier – und inwiefern ändert sich das, sobald die Software ausgereift ist und der Reader in größeren Stückzahlen verfügbar ist? (via Mobileread)
Ronnie Vuine: Es ist immer lustig, dass alle gelernt haben, jedes Unternehmen hätte seine Zielgruppe und mache eine entsprechende Analyse. Es ist nicht so, dass wir uns darüber keine Gedanken machen, aber bei einem kleinen Unternehmen wird das weniger verbohrt betrieben, als es bei einem Großkonzern. Ein Konzern ist typischerweise Controlling-getrieben: Da hat jemand einen bestimmten Betrag, den will man ausgeben und will wissen, wann wie viel Geld zurückkommt. Bei einem Startup ist das aber eher so, dass man darf erst einmal loslegt und dann sieht wohin es führt – gerade wenn man ein so rasend innovatives Produkt macht, wie es zum Beispiel eReader einfach sin. Man weiß noch nicht genau, wer am Ende alles darauf anspringt. Amazon beispielsweise hätte nie gedacht, dass der kindle wegen der Schriftgrößenvergrößerung bei den über 60-Jährigen so gut funktioniert.
Wir schauen jetzt erst mal. Natürlich sind die ersten paar tausend Geräte gedacht für Leute, die sich ein wenig mit Technik beschäftigen. Wir freuen uns aber auch, wenn es einen ähnlichen Effekt wie beim kindle gibt – die Bedienung des txtr Readers ist sehr einfach und Schriftvergrößerung können wir natürlich auch. Eine Gruppe die wir aber immer ansprechen wollen, dass sind diejenigen, die ernsthaft lesen wollen. Der txtr Reader ist kein Telefon, er ist nicht das bessere PDA oder etwas in die Richtung, sondern er ist echt etwas für alle die lesen wollen, die viel lesen wollen – und die haben dann auch wirklich einen Vorteil.
Habt ihr mit dem Schritt von Amazon, den kindle international verfügbar zu machen gerechnet – und dass er so früh und in dieser etwas überhastet wirkenden Art und Weise kommt?
Ronnie Vuine: Diese überhastete Art und Weise konnten wir jetzt natürlich nicht erwarten – das können sich dann vielleicht auch nur Amerikaner ausdenken, wenn sie ein internationales Produkt machen. Wir wissen natürlich, dass es Amazon gibt. Wir haben angefangen, als von dem kindle noch nicht die Rede war – und auch zum Beispiel die Mobilfunk-Idee schon zu diesem Zeitpunkt gehabt. Uns war klar, dass Amazon mit dem Gerät irgendwann auf den deutschen Buchmarkt will, der ja einer der wichtigsten Buchmärkte der Welt ist. Uns war aber auch klar, dass man für den europäischen Markt einige Zeit brauchen würde. Eigentlich dachten wir, sie würden den Schritt nach Europa schon früher tun – und sie würden es früher schon besser tun. Sie haben jetzt ja sozusagen ein Produkt für die ganze Welt gemacht. Dafür haben sie das amerikanisches Produkt genommen, haben überprüft, welche Inhalte sie international verkaufen dürfen, und haben einen globalen Roaming-Deal gemacht, damit sie nicht in jedem Land einzeln mit den Mobilfunkanbietern verhandeln müssen. Für die Zukunft kann man davon ausgehen, dass Amazon noch gründlicher auf die wichtigen Buchmärkte eingehen wird.
Der Preis des txtr Readers hat viele überrascht – sowohl negativ als aber auch positiv. In Dollar umgerechnet ist er den Wettbewerbern in den USA wohl unterlegen – wird es angepasste Preise für die USA geben?
Ronnie Vuine: Das Gefühl, was ein Produkt wert ist, orientiert sich nicht nur daran, was es wert ist und was es kann, sondern auch wie viel Budget die Konsumenten für so etwas haben. Wenn man sich jetzt ein studentisches Budget anschaut, da sind 320 € eine ziemliche Investition. Für jemanden, der bereits sein festes Gehalt hat, sind 320 € schon zu schultern. Daher vielleicht auch die verschiedenen Reaktionen auf den Preis. Es ist jetzt weiß Gott nicht so, dass wir uns eine goldene Nase verdienen. Der Preis hängt einfach mit den Bauteilen zusammen. Wenn man zum Beispiel so viele Funkschnittstellen haben will – und wir haben das für richtig gehalten – dann muss man das alles bezahlen. Wir geizen auch sonst nicht rum, denn wir wollten ein gutes Produkt. Die Erfahrung zeigt, dass man ein gutes Produkt immer noch billiger machen kann. Mit dem Scale-Up, also wenn man mehr Geräte verkauft, erhält man bessere Einkaufspreise, die man dann an die Kunden weitergeben kann. Teurer machen dagegen geht nie – wenn man ein blödes Gerät baut und an den Komponenten spart – dann bleibt man Ende auf diesem Produkt sitzen – das ist Wettbewerbern von uns auch schon passiert.
Dass der Preis in Dollar derzeit ziemlich unattraktiv ist, ist leider wahr. Aber wir können nichts dafür, dass die amerikanische Wirtschaft gerade den Dollar in den Keller zieht.
Warum habt ihr euch für das Touchpad entschieden und nicht für Knöpfe oder einen Touchscreen?
Ronnie Vuine: Wenn wir so einen „Wünsch-dir-was“-Modus hätten, wäre natürlich ein Touchscreen die erste Wahl gewesen. Wir glauben aber, dass man das im Moment noch nicht vernünftig mit eInk lösen kann. Es hieße immer, dass man eine Folie über das Display legen muss und wer das einmal gesehen hat, der wird feststellen, dass darunter die Lesbarkeit leidet – und auch die Akkulaufzeit. Deswegen war uns klar, wir tun nichts über dieses Display – es ist reflexiv und braucht jeden Sonnenstrahl, den es kriegen kann. Die einzige Alternative im Moment wäre ein Wacom-Tablet, wie etwa bei den Kollegen von iRex. Das ließe sich dann aber nur mit einem entsprechenden Stift bedienen. So ein Stift auf einer harten Fläche ist auch nicht perfekt, um ein Buch zu bedienen- also mir persönlich ist es einfach zu unsanft, zu grob. Zudem steigt der Energieverbrauch und man hat einen Stift, den man verlieren kann. Wir haben das also auch nicht für attraktiv gehalten.
Die einzige Alternative wären somit Knöpfe – aber Knöpfe sind irgendwie doof, irgendwie unsexy – außerdem hat man durch sie Lücken im Gehäuse, über die Wasser und Sand ins Innere gelangen können, nein, wir wollten auch keine Knöpfe machen. Wir haben also probiert, ob wir das kapazitiv an der Seite des Displays machen können. Dazu haben wir uns dann angesehen, wie Apple das Ganze mit seinem Clickwheel angegangen hat. Dort hat man einfach das Scrollen auf einer Rundbewegung abgebildet. Wir haben uns dann überlegt, was das minimale Set an Bedienelementen ist, das man braucht, um mit einem eBook gut umgehen zu können. Herausgekommen ist unser PagePad, wie es mittlerweile heißt. Es kann Blättern, es kann als Cursor hoch- und runter-steuern, es hat eine Escape-Taste um rauszugehen, und es hat eine Taste zum Menü, in dem man dann wieder per Cursorbewegung die Menüpunkte auswählen kann. Sozusagen die reduzierteste und einfachste Variante, um eine vollständige Navigation auf dem Gerät zu ermöglichen..
Ist das Umblättern nur durch “Wischen” oder auch durch Klicken bzw. Tippen möglich? (via MobileRead)
Ronnie Vuine: Wenn es genug Leute gibt, die nur Tippen wollen, dann ist das nur eine Frage von wenigen Zeilen Code, um das nachzuliefern. Man darf sich das Wischen jetzt aber nicht als riesige Bewegung vorstellen. Man hat den Finger ohnehin am PagePad und ob man da jetzt tippt oder eine kleine links-rechts-Bewegung macht ist kein großer Unterschied.
Ist es möglich zur Verlängerung der Akkulaufzeit möglich, WLAN, EDGE und Bluetooth abzustellen? (via MobileRead)
Ronnie Vuine: Ja, das ist definitiv möglich. Vor allem WLAN und EDGE sind echte Stromfresser, auch Bluetooth hat den Ruf. Wir wollen, dass man das Gerät mit in den Urlaub nehmen kann und nie an Strom muss.
Ist es möglich das Gerät seitenverkehrt zu bedienen, also mit der Bedienleiste auf der rechten Seite ist? (via MobileRead)
Ronnie Vuine: Es ist nicht einmal seitenverkehrt. Der Grund, warum wir das Gerät symmetrisch gebaut haben, ist nämlich tatsächlich der, dass es egal sein soll, auf welcher Seite man das Gerät bedient – dafür haben wir den Beschleunigungssensor. Damit man auch in Seitenlage im Bett lesen kann, lässt sich das automatische Drehen natürlich abschalten.
Was sind die Funktionen der beiden Einzeltasten? (via MobileRead)
Ronnie Vuine: Die obere Taste ist ein „Zurück“, sozusagen also eine „Escape“-Semantik, und die untere holt das Menü, in dem dann weitere Optionen sind.
Das war Teil 1 des Interviews mit Ronnie Vuine von txtr auf der Frankfurter Buchmesse 2009. Hier geht es weiter zu Teil 2 mit den Themen Developer und txtr.com.













Vielen Dank für das informative Interview.
Was genau ist denn diese Bedeutung von “to wiz”, di Ihnen nicht gepasst hat? Ich find nirgends was dazu…
Das habe ich mich im Nachhinein auch gefragt. Das Urban Dictonary hat zwar keinen Eintrag für “to wiz” – aber sehr wohl für “to wizz”:
Wizpack könnte man also als “Pisspack” mißverstehen – da ist dann txtr schon eleganter